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Im GesprächThomas Wey vom BUND Meiningenüber die Natur, den Englischen Garten und "Der Vogelhändler"

Die Bäume, die Vögel, die Sonne und die Sänger, bunte Kostüme und hölzernes Bühnenbild: Eine außergewöhnliche Liaison. – Aber was sagt wohl ein Umwelt-Experte dazu? Einer, der sich mit Mensch und Natur perfekt auskennt?

Pressereferent Folkert Streich fand mit Thomas Wey, dem Leiter der in der Wintergasse 8 ansässigen örtlichen Geschäftsstelle des Naturschutzverbandes Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) dazu in ein anregendes Gespräch.

 

„Die absolute Hitkiste für alle Liebhaber der Operette, und solche die es werden wollen“ schreiben die Rezensenten über unseren „Vogelhändler“! Haben Sie’s gesehen?

Wey: Nein noch nicht. Aber ich muss gestehen, die Operette ist nicht mein Revier.

 

Schade, dabei passt das Stück so gut zu ihrem Fach. – Für Sie müsste es also Oper oder Ballett sein. Vielleicht Janaceks „Schlaues Füchslein“ oder Strawinskys „Feuervogel“?

Wey: Nein, nein. Ich bevorzuge das Musical.

 

Ach, die „West Side Story“ ist gerade vorbei. Aber ich kann Sie guten Gewissens in den „Sommernachtstraum“ schicken, der bietet mit Thomas Kässens und Band unglaublich viel Musik. - Doch auf Vögel und Wildschweinjagd hoffen sie da vergebens.

Wey: Wildschweine im Englischen Garten?

 

Ja das ist ein Problem, die haben die Einheimischen im Stück längst alle gewildert, aber der Fürst will gern eins schießen!

Wey: Ach! Das Schalenwild ist aus unserer Sicht viel zu wenig bejagd. Es wäre gut, wenn mehr davon geschossen werden könnten, weil der Verbiss an allen Baumbeständen enorm ist. Und die Maisäcker sind ja die reinsten Wildschwein-Mastanlagen! Im Sommer bietet ihr hoher Wuchs zudem das ideale Versteck. Zum Glück wird Mais in Südthüringen wenig angebaut. In Hessen diskutiert man derzeit sogar, ob man Nachtsichtgeräte zur Bejagung der Schwarzkittel einsetzen darf.

 

Die Operette setzt da auf riesige Schweineattrappen. Die kann auch ein Kurzsichtiger kaum verfehlen. – Aber sagen Sie, haben die Herzöge im Englischen Garten Wild zur Bejagung gehabt?

Wey: Nein, das Jagdschloss mit Schießgelegenheit, Gehegen und Fasanerie war in Hermannsfeld. In Putbus befanden sich Anlagen zum Anschauen.  

 

Gut. Aber vielleicht sagen Sie uns noch mehr zu dem herrlichen Park?

Wey: Wie es der Name schon sagt ist er im sogenannten englischen Stil gehalten. Bevorzugte das Barock und Rokoko die französische Gartenkultur mit ihren streng geschnittenen, stark geometrischen Formen, so ist diese Anlage mit weiträumigen Sichtachsen und Denkmälern gestaltet. Durchaus mit Plan und Konzept angelegt, aber mit dem Schwerpunkt Natur. Da herrscht eine romantische Idee vor, ein Zurück zu einer Ursprünglichkeit, die man bewusst erschafft. Bis hin zu den vertrauten künstlichen Ruinen und Inseln.

 

Welche Tiere beheimatet diese Naturkulisse, auf welche gefiederten Solisten könnten wir treffen? 

Wey: Die Eichhörnchen, die früher in den Ästen sprangen, haben sich rar gemacht und der Vogelbestand bietet eigentlich nichts Außergewöhnliches: Amsel, Drossel, Fink und Star, Specht, Stieglitz und Meisen. Und natürlich der unscheinbare Baumläufer, der Kopf nach unten an den Stämmen entlang flitzt.

 

Im „Vogelhändler“ heißt’s aber „rote, grüne, gelbe, blaue?“

Wey: Ja, so was gibt es hier auch, den farbenfrohen Eisvogel finden Sie aber nicht im Englischen Garten. Der gräbt seine Brutröhren im Ufersaum der nahen Werra. Er ist streng geschützt und zugleich der beste Beweis für einen Arten reichen Fischbestand. Deshalb ist die Werra europäisches Naturerbe! – Ein anderer richtig leuchtender Kandidat ist der aus dem Süden einwandernde größere Verwandte, der Bienenfresser. Knallrot mit blau, der Klimawandel macht seinen Besuch möglich.

 

Die Theaterplastikerin Marie-Helene Lill hat uns einen Riesenpapagei kreiert!

Wey: Prächtig ja. Der Form nach eine besondere Unterart des beliebten Wellensittichs.

 

Und die Tauben? „Just das eine Täuberl“ nämlich, die Christel, will dem Vogelhändler nicht aus der Hand fressen.

Wey: Die sollte man jetzt genauso wenig füttern wie die Enten und die Gänse.

 

Die Gänse sind derzeit nicht im Park, die nervt die viele Bewegung der Baufahrzeuge bei der Theaterrekonstruktion. Die Open-Air-Bespielung irritiert die Gefiederten hingegen nicht, die singen mit.

Wey: Wussten Sie übrigens, das auch der Englische Garten historisch rekonstruiert wurde? Das war nach der Wende. Da wurde der Baumbestand wieder dem Urzustand angenähert. Und der BUND hat sich damals sehr dafür stark gemacht, die großartige Altsubstanz so weit wie möglich zu erhalten.

 

Das ist beim Theater dasselbe, der Denkmalschutz ist aufmerksam. – Was man von den Menschen nicht immer sagen kann. Sie unterscheiden spielend -zig verschiedene Autotypen, aber bei Vögeln oder Bäumen ist mit einer Hand Schluss.

Wey: Na, man schützt nur, was man kennt! – Daran wird „Der Vogelhändler“ nichts ändern, aber die Naturkulisse gerät zumindest wieder einmal in den Blick. 

 

Dabei wird im Stück sogar eine Zoologieprüfung Abgenommen. Da antwortet der Vogelhändler auf die Frage: „Was frisst die Kuh?“, „Schokolade“. Und der aktuelle „Jugendreport 2010“ würde ihn bestätigen! Urteil: „Naturwissen mangelhaft“: 40 % der Kinder bis 15 Jahre wissen nicht in welcher Himmelsrichtung die Sonne aufgeht und nur 32% konnten sagen, wie viele Eier ein Huhn am Tage legt. Die Scherzfrage welche Kühe H-Milch geben konnten gerade einmal 21 % lachend verneinen.

Wey:  Das wundert mich gar nicht. Mit Einzug der Supermärkte ist einfach der direkte Bezug der Menschen zur Natur verschwunden. Dabei sieht das hier im Osten noch deutlich besser aus, denn durch die verbreitete individuelle Viehhaltung mit wenigen Tieren für den Eigenbedarf wie Schwein, Bulle und Kuh ist man nicht gänzlich entfremdet.

 

Vielleicht sagen Sie uns als Naturschützer noch etwas zur Vogeljagd?

Wey: Die Jagd auf Singvögel hat im Süden Europas trotz aller Richtlinien nach wie vor eine unsägliche Tradition und ist in Malta sogar noch erlaubt. – Doch auch hier zu Lande stellte man den Vögeln nach, mit Leimruten. Das finden Sie sogar in den Sagenbüchern von Ludwig Bechstein. 

 

Und wie steht es mit dem Vogelhandel?

Wey: Der ist heute gut reglementiert. Die Tiere stammen alle aus hiesigen Nachzuchten. Aber mit den Papageien ist das eine Katastrophe. Da müssen Sie höllisch aufpassen, denn manche modernen Adams schmuggeln die Tiere unter ganz mörderischen Bedingungen.

 

Verflucht, so ein trauriges Schlusswort. Das passt so gar nicht zur farbenfrohen Open-Air-Inszenierung im Englischen Garten: Also auf zur gnadenlosen Jagd auf die Theaterkarten und schmuggeln Sie niemand hinein.